Linke Liste an der HUB - LiLi

DGS – Deutsche Gebärden Sprache an der Uni

Die Konstruktion vom »Normalmenschen«

Wenn von „Behinderung“ die Rede ist, wird meistens davon ausgegangen, dass es einen Zustand gibt, der als „gesund“ bzw. „normal“ beschrieben werden kann. Menschen, die von diesem Zustand abzuweichen scheinen, werden als „krank“ oder „behindert“ definiert. Viele der unausgleichbaren sogenannten Defizite werden jedoch erst durch einen gesellschaftlichen Konsens verursacht, der diese Barrieren aufbaut. Dieser Konsens ist konstruiert und lässt sich durch gesellschaftliche Definitionen verschieben oder ändern.

Die alltäglichen Hürden

Sich unabhängig vom eigenen körperlichen Zustand durch die Welt zu bewegen ist unmöglich. Befinden sich überall Treppen, ist eine Person im Rollstuhl nicht in der Lage, sich autonom zu bewegen. In Gebärdensprache ist Kommunikation für Gehörlose Menschen barrierefrei. Da jedoch kaum ein hörender Mensch der Deutschen Gebärdensprache (DGS) mächtig ist, entsteht eine Barriere, die nicht ausschließlich auf die Gehörlosigkeit zurückzuführen ist. Der (noch lange nicht ausreichend umgesetzte) Anspruch auf DolmetscherInnen kann das Problem einer gesellschaftlichen Ausgrenzung zwar reduzieren, jedoch allein nicht beseitigen. Es ist kaum vorstellbar die Abhängigkeit von DolmetscherInnen mit Selbstbestimmung in Einklang zu bringen. An jeder Supermarktkasse, in jedem Sportverein, bei der Arbeit, in der Bank oder im privaten Umfeld immer einE DolmetscherIn an der Seite zu haben, kann kaum attraktiv sein und ist zudem schwer realisierbar. Es gibt über 80.000 GebärdensprachnutzerInnen, die spätestens bei komplexen Auseinandersetzungen oder in Gruppengesprächen auch auf die DGS angewiesen sind. Da aber kaum ein hörender Mensch Gebärdensprache lernt, unterliegen Gehörlose einem Anpassungsdruck, der ihnen das Sprechen und Lippenlesen, trotz unzulänglicher Kommunikationseffizienz aufzwingt.
Die Gebärdensprachgemeinschaft sieht sich bei Diskussionen um Thema Gehörlosigkeit, Kultur, Behinderung oder rechtliche Stellung, nicht selten einer hörenden Dominanz gegenüber, die ihnen die Möglichkeit auf Selbstbestimmung nimmt. Da es kaum unterstützende Lobby außerhalb von Behindertenorganisationen gibt, ist es für sie schwer, ihre Interessen durchzusetzen.

Gehörlose StudentInnen haben Probleme ihre Studien ausreichend zu betreiben, da ihnen keine ausreichenden finanziellen Mittel für DolmetscherInnen zur Verfügung gestellt werden. Die Kommunikation mit den MitstudentInnen ist schwierig, da sie ebenfalls selten in Gebärdensprache möglich ist. Viele StudentInnen wollen DGS lernen, finden aber an der Universität kein Angebot dafür, da nur StudentInnen mit den Fächern Gebärdensprachdolmetschen und Gehörlosenpädagogik Zugang zu derartigen Kursen haben. Zudem sind diese Studiengänge bei den Rehabilitationswissenschaften angegliedert, wo zumindest ein Dolmetschstudiengang nicht hingehört. Durch diese Zuordnung wird Gebärdensprache nach wie vor nicht gleichberechtigt als Fremdsprache behandelt, sondern zum lediglichen „Notbehelf für Behinderte“ degradiert.

Die Alternative zum Ausschluss

Es geht nicht darum, ein Gebäude mit Fahrstuhl zugänglich zu machen oder einzelnen Gehörlosen eine Dolmetscherin zu stellen. Natürlich sind das Ziele, an denen gearbeitet wird und werden muss. Aber der Hintergrund sollte der Anspruch an Bewegungsmöglichkeit und Barierefreiheit an sich sein. Das erfordert einen gesamtgesellschaftlichen Umbau. Ein Schritt in Richtung Barrierefreiheit in diesem Zusammenhang bedeutet, je mehr Menschen DGS lernen, umso einfacher und weniger isoliert wird das Leben gehörloser Menschen. Da die Deutsche Gebärdensprache sogar rechtlich anerkannt ist, sollte sie wie jede andere Fremdsprache angeboten werden. In Schulen und Universitäten muss die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ihren gleichberechtigten Platz im Angebot neben Spanisch, Französisch und Englisch finden. Nicht nur gehörlose Kinder sollten endlich Gebärdensprache lernen dürfen und als Unterrichtssprache gebrauchen können, auch hörenden Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sollte ein Zugang zur Gebärdensprache offen stehen. Für die HU kann das nur eine Erweiterung des Kursangebots um DGS am Zentralen Spracheninstitut bedeuten. Dies wird von uns als ein weiterer Schritt in Richtung Barrierefreiheit gesehen. Jeder Mensch, der ein wenig über kulturelle Hintergründe der Geärdensprachgemeinschaft weiß und Gebärdensprache lernt, ist widerum Multiplikator und vergrößert die politische Lobby zum Thema Gebärdensprache.

Enthinderung oder Barrierefreiheit ist mehr als ein Menschenrecht, sie bedeutet eine Welt zu gestalten, in der es selbstverständlich ist, leben und kommuizieren zu können.

Eine Initiative der Linken Liste an der HUB

Neben der Unterschriftensammlung, die wir euch bitten zu unterzeichnen, gibt es auch noch eine Email Umfrage. Das Spracheninstitut würde gerne wissen, ob es ausreichendes Interesse an einem DGS Kurs gibt. Deshalb bitten wir euch, bei einem potentiellen Interesse eine Email an: gebaerdenkurs@yahoo.com zu schreiben. Die Email gilt nicht als Anmeldung, sondern dient der Bedarfserhebung.

****************************************************

Forderungen und Gründe

Es leben über 80.000 GebärdensprachnutzerInnen in Deutschland. Nicht wenige davon sind spätestens bei tiefgehenden Gesprächen auch auf diese angewiesen, leichter fällt sie Gehörlosen immer als gesprochene Sprache.

Da die Deutsche Gebärdensprache eine rechtlich anerkannte Sprache ist, sollte sie wie jede andere Fremdsprache angeboten werden. In Schulen, Universitäten sollte die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ihren gleichberechtigten Platz im Angebot neben Spanisch, Französisch und Englisch finden.

Barrierefreiheit in diesem Zusammenhang bedeutet, dass je mehr Menschen der DGS mächtig sind, umso einfacher und weniger isoliert das Leben für gehörlose Menschen wird.

Weitere Informationen zur DGS und ihrer Geschichte

Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist eine eigenständige Sprache. Die Grammatik unterscheidet sich grundlegend von der deutschen Lautsprache.

Gebärdensprache wurde jahrelang nicht als Sprache anerkannt und ihre Verwendung in der Schule verboten, stattdessen mussten gehörlose Kinder Lippen lesen und deutsch sprechen lernen. DGS ist seit 2002 mit dem Behindertengleichstellungsgesetz (§ 6 BGG) anerkannt worden. Das bringt neben der rechtlichen Verbesserung auch ein Anrecht auf DolmetscherInnen mit sich. Die Praxis sieht jedoch noch immer anders aus.
Weder gibt es an Schulen die Möglichkeit Gebärdensprache zu erlernen, noch sind andere Kommunikationsbarrieren für GebärdensprachnutzerInnen entfallen. Nur sehr wenige Menschen haben geringe Gebärdensprachkenntnisse oder können auch nur das Fingeralphabet. Für Gehörlose ergibt sich daraus ein Anpassungszwang, dem es etwas entgegenzusetzen gilt, zumal die Anpassungsmöglichkeiten durch die Gehörlosigkeit beschränkt sind. Es handelt sich um eine sprachliche Minderheit, die durch die Definition als behindert häufiger im medizinischen Bereich als in anderen Kontexten diskutiert wird. Davon abgesehen ist es weder wünschenswert noch möglich, dass Gehörlose gezwungen sind ihre DolmetscherInnen mit zum Einkaufen oder in den abendlichen Kinofilm mitzunehmen.

DGS ist wie andere Gebärdensprachen auch eine visuelle Sprache, die neben Körperhaltung und Gesichtsmimik vor allem Gebärden verwendet, um Gedanken sowie Sachverhalte auszudrücken. Gebärden unterscheiden sich voneinander durch Handform, Handstellung, Ausführungsstelle und Bewegung. Auffallender Unterschied zu Lautsprachen ist, dass Gebärdensprachen räumlich sind: Personen und Orte können in einem Gespräch sozusagen in der Luft platziert werden, und je nach der Bewegungsrichtung von Gebärden zwischen diesen „Raumpunkten“ ändert sich die Bedeutung. Als Hilfsmittel zum Buchstabieren von Eigennamen oder Vokabeln, deren Gebärden einer der oder beide Gesprächspartner (noch) nicht kennen, dient das Fingeralphabet. Aufgrund dieser Vergangenheit ist die DGS noch nicht landesweit standardisiert. Es gibt regionale Dialekte. Oft wird die Gebärdensprachgrammatik mit der Grammatik der deutschen Sprache vermischt; es entsteht eine Art Mischmasch von DGS und gebärdetem Deutsch.

Gebärdensprache wurde über mehr als 175 Jahre lang unterdrückt, weil man glaubte, sie behindere das Erlernen der für gehörlose Kinder nicht oder nur schwer wahrnehmbaren Lautsprache. Kinder, die beim kommunikativen Gebrauch der Hände ertappt wurden, erhielten in einigen Schulen Stockschläge auf die Hände oder wurden mit Spielverbot und Nachtischentzug bestraft. Ihnen wurde beigebracht, sich für den Gebrauch der Gebärden zu schämen. Eltern wurden dazu angehalten, mit Kindern nur in der Lautsprache zu kommunizieren. In einigen Schulen wurde und wird jetzt noch das Gebärden nur toleriert, die Lehrer wenden diese Sprache aber im Unterricht nicht an. Wissensvermittlung lief und läuft demnach in deutscher Lautsprache. Die Antipathie gegen die Gebärdensprache hat sich heutzutage gemildert.

Advertisements

%d Bloggern gefällt das: