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Zugang zu Hochschulen

Dezember 14, 2007
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Hochschulen bedeuten grundsätzlich auch einen Zugang zur Gesellschaft. Genau wie Bildung im Allgemeinen ermöglicht die Partizipation am Bildungssystem die Entscheidung, sich einen Platz in der Gesellschaft zu suchen oder die gesellschaftlichen Verhältnisse zu bekämpfen. Auf jeden Fall wird es einfacher, gesellschaftliche Mechanismen zu durchschauen. Menschen, die vom Zugang zu als allgemeingültig anerkanntem Wissen ausgeschlossen werden, werden die Folgen spüren. Sich über eine Neuentwicklung von Bildung Gedanken zu machen, ist Privileg der Partizipierenden. Je länger und tiefgehender die Möglichkeit besteht, sich über Bildung mit Gesellschaft auseinander zu setzen, umso größer werden die individuellen Entscheidungsmöglichkeiten. Nicht zuletzt durch die dabei angesammelten Qualifikationen.

Es ist unmöglich am deutschen Bildungssystem teilzuhaben, wenn nicht einmal die deutsche Grenze überschritten werden darf. Die Vorteile eines deutschen Hochschulbesuchs, zum Beispiel für die eigene Karriereplanung, ist somit weit gehend deutschen StaatsbürgerInnen vorbehalten. Ein ungeklärter Aufenthaltsstatus führt nicht an die Universität. Da eine Zugangsvoraussetzung das Beherrschen der deutschen Sprache ist, wird auch hier selektiert. Es muss bereits die deutsche Sprache beherrscht werden, kostenpflichtige Deutschkurse müssen dennoch besucht werden, Seminare und Vorlesungen werden nur auf Deutsch gehalten.

Innerhalb des Bildungssystems sind vorerst alle ausgeschlossen, die nicht ihr Abitur gemacht haben oder dieses schlecht absolviert haben. In einem dreigliedrigen Schulsystem kann das bedeuten, dass in der 4. oder 6. Klasse entschieden wird, ob eine Person studieren darf oder nicht. Die Ausschlusskriterien der Hochschule funktionieren aber auch subtiler. Die formelle Möglichkeit zu haben, bedeutet noch nicht tatsächlich studieren zu können. Wer sich die Immatrikulations- oder Semesterticketgebühren nicht leisten kann, wird nicht an der Hochschule landen.

Sind Studierende nicht in ihrer Stadt an die Hochschule gekommen und bewerben sich über die ZVS (für viele eine gute Chance, die jetzt jedoch auch abgeschafft werden soll), müssen sie in der Stadt studieren, in welcher sie angenommen wurden. Liegt für diese Personen eine Ortsbindung vor, geht das nicht. Haben sich zum Beispiel Eltern eine Infrastruktur aufgebaut, mit welcher es möglich ist, neben Erziehungsverpflichtungen auch arbeiten oder studieren zu gehen, können sie nicht einfach die Stadt wechseln. Wenn das Kind Verwandte und Kindergarten in Hamburg hat, wird es nicht so einfach sein, nach Tübingen umzuziehen und die Infrastruktur mitzunehmen. Dasselbe gilt für Menschen, die nebenher arbeiten müssen und in der neuen Stadt nicht gleich eine neue Arbeit finden.

Als sogenannter behinderter Mensch wird es ebenfalls schwer, sich einen Hochschulplatz zu ergattern. Durch Ausgrenzung werden die Betroffenen bereits so früh aus dem Bildungszugang ausgeschlossen, dass eine Hochschulbewerbung überflüssig ist. Haben dennoch einige sich durch diese Hürden gekämpft, müssen sie sich eine Universität suchen, die wenigstens annähernd genug Enthinderungsmaßnahmen vorgenommen hat. Die Auswahl hat sich an der Stelle entweder erübrigt oder ist sehr klein.
Muss eine Person einen Bachelor-Studiengang annehmen, ist es in den meisten Fällen nahezu unmöglich nebenbei zu arbeiten. StudentInnen, die darauf angewiesen sind, werden demnach keine StudentInnen werden oder bleiben. Das selbe Problem haben StudentInnen, die viele Praktika absolvieren müssen.

Studiengebühren stehen in einer langen Kette von Ausschlusskriterien recht weit hinten. Die meisten Menschen kommen nicht an den Punkt sich zu fragen, ob sie sich diese leisten können, sie dürfen ohnehin nicht studieren. Viele von denen, die es an die Hochschule geschafft haben, können sich dann auch noch Studiengebühren leisten, die Selektion hat bereits viel früher funktioniert.

Sich gegen Studiengebühren auszusprechen ist demnach wichtig und richtig, doch bei weitem nicht genug, wenn die Hochschule zugänglicher werden soll. Wenn Menschen jedoch eine Chance haben sollen, sich kritisch mit ihrer Umwelt auseinander zusetzen, brauchen sie die ökonomischen Bedingungen und Zugang zu momentanen gesellschaftlichen Grundlagen, nicht zuletzt also Wissen. Denn zu wissen, was derzeit als Wissen gehandelt wird, eröffnet Entscheidungsmöglichkeiten. Dieser Anspruch an Hochschulen ist jedoch schwer zu finden. Die meisten StudentInnen versuchen ihre Karrierechancen zu verbessern und sich den Weg dorthin so gemütlich wie möglich zu machen. Deswegen stört es sie nicht zum Beispiel 150 Euro für ein Semesterticket zu bezahlen, ob es nun alle können oder nicht. Aus diesem Grund interessiert es sie auch nicht, dass sie nahezu die einzige Statusgruppe mit derartigen Privilegien sind.

Wenn der Anspruch einer offenen Universität besteht, müssen wir gesamtgesellschaftliche Veränderungen erzwingen, von wo auch immer. Fangen wir doch bei der Uni an. Die Universität ist kein herrschaftsfreier Raum, aber noch in mancher Hinsicht ein Freiraum. Bauen wir ihn aus und nutzen ihn!

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Veröffentlicht in Ältere Texte, Hochschulpolitik